DAS PROJEKT
Seit 1998 wird im östlichen Niedersachsen zwischen Braunschweig, Schladen und Schöningen eine außergewöhnliche Konzentration von jungsteinzeitlichen Erdwerken mittels Luftbildprospektion und Ausgrabungen untersucht. 
Die Erforschung, Dokumentation und Analyse der Braunschweiger Erdwerkslandschaft ist ein gemeinsames Projekt von Michael Geschwinde, dem Leiter der Bezirksarchäologie Braunschweig,  und Dirk (Raetzel-) Fabian, INGRAPHIS, Kassel, der auch die EWBSL Web-Informationen betreut. Auslöser waren die außergewöhnlichen Ähnlichkeiten zwischen den Erdwerken von Calden (nordwestlich von Kassel) und Wittmar (südöstlich von Wolfenbüttel).

ERDWERKE?
Mit dem Begriff »Erdwerk« oder auch »Grabenwerk« werden für die Epoche des Neolithikums Einhegungen bezeichnet, die aus Gräben, Wällen und Palisaden bestanden. Die schon während der Nutzungszeit verfüllten Gräben zeichnen sich heute häufig als Bewuchsmerkmale in der Vegetation ab. Erdwerke werden deshalb zumeist aus der Luft entdeckt (Luftbildarchäologie, siehe Foto unten).
In Mitteleuropa werden Erdwerke vom Beginn des Neolithikums ab ca. 5300 v. Chr. bis mindestens 3000 v. Chr. von unterschiedlichen Kulturen errichtet. Das architektonische Erscheinungsbild variiert dabei sehr stark; mal handelt es sich um Abschnittswälle oder einfache Grabenringe, mal um komplexe Umfassungssysteme aus bis zu 5 Gräben mit Palisaden und aufwändigen hölzernen Torkonstruktionen. Die Größe schwankt zwischen 0,5 und 90 Hektar Fläche.
Ihre Funktion ist auch nach mehr als einhundert Jahren archäologischer Forschung noch nicht vollständig geklärt. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung und ihres unterschiedlichen Alters kann als sicher gelten, dass nicht alle »Erdwerke« dem gleichen Zweck dienten, auch wenn sie forschungsgeschichtlich bedingt unter einem Oberbegriff zusammengefasst werden.
Eine ausführliche Einführung in die Thematik bietet:
Michael Meyer & Dirk Raetzel-Fabian: Neolithische Grabenwerke in Mitteleuropa. Ein Überblick. In:  Journal of Neolithic Archaeology 8, 2006 (jungsteinsite.de). 

Luftbild des Erdwerks von Wittmar (© Andreas Grüttemann).

Bisher konnten im Braunschweigischen in einer Region von nur ca. 600 Quadratkilometern Ausdehnung mehr als 30 Erdwerke bzw. Grabenanlagen lokalisiert werden. Etwa zwei Drittel aller Objekte zählen zur Gruppe der monumentalen Erdwerke, eine außergewöhnlich hohe Zahl. Die monumentalen Erdwerke des Braunschweiger Landes bilden zur Zeit die dichteste Konzentration dieses Bautyps im mittel- und westeuropäischen Raum. Angesichts dieser Ballung müssen die bisherigen Interpretationsansätze völlig neu überdacht werden. 
Ergänzend zur Luftbildprospektion wurden an verschiedenen Erdwerken Testgrabungen mit dem Ziel vorgenommen, datierbares Material sowie erste Informationen über die Eigenschaften der Umfassungsanlagen zu gewinnen. Für fast alle Anlagen konnten darüber hinaus mithilfe entzerrter Luftbilder Grundrisse rekonstruiert werden, die weitergehende Aussagen zur Bauform ermöglichen. Begleitende naturwissenschaftlichen Untersuchungen wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Das Akronym EWBSL steht für »Erdwerke im Braunschweiger Land« und war eigentlich zunächst nur der Name des Projekt-Ordners auf dem PC, machte jedoch bald eine Karriere als Leitbegriff für die gesamte Projekt-Kommunikation.
Die Ergebnisse des EWBSL-Projektes wurden 2009 in einer Abschlusspublikation vorgelegt. Sie steht unten auf dieser Seite als kostenloses PDF zur Verfügung. Ergänzend finden sich unter AKTUELLES mehrere thematische EXKURSE, die übergeordnete Fragestellungen behandeln.
ERGEBNISSE
Hauptforschungsgegenstand des EWBSL-Projektes ist eine besondere Gruppe von Einhegungen, die sog. monumentale Erwerke – d. h. nach vorläufiger Definition Anlagen ab einer Flächengröße von 10 Hektar bzw. ab einer Grabenlänge von 1500 Metern. Insgesamt sind im Arbeitsgebiet mindestens 19 Anlagen lokalisiert, die diese Kriterien erfüllen.
Architektonisch lassen sich verschiedene Bautypen unterscheiden. Besonders auffällig sind sog. polygonale Erdwerke mit einer »Fassade«, d. h. einer ausgeprägten Längsseite, die möglicherweise zu repräsentativen Zwecken angelegt wurde.  Anlagen dieses Typs bestehen aus zwei oder drei umlaufenden Gräben.

Verbreitung von Erdwerken im Braunschweiger Land (© Dirk Fabian 2009). Mittlerweile sind im Westen des Arbeitsgebietes zwei neue Anlagen hinzugekommen.

Kulturell sind die monumentalen Erdwerke und hier vor allem der polygonale Typ nach jetzigem Forschungsstand mit der Michelsberger Kultur in Mitteleuropa und dem östlichen Westeuropa verknüpft. Gelegentlich kommen große Anlagen allerdings auch in anderen kulturellen Zusammenhängen vor.
Chronologische Untersuchungen auf der Basis von Radiokarbondaten aus mitteleuropäischen Anlagen belegen, dass die Errichtung vor allem zwischen 4200 und 3500 v. Chr. erfolgte. Innerhalb dieser Zeitspanne zeichnen sich zwei intensive »Bauwellen« um 4200/4100 und um 3700/3600 v. Chr. ab.
Im Arbeitsgebiet sind frühe Siedlungsspuren der Michelsberger Kultur bereits zwischen 4200 und 4100 v. Chr. nachgewiesen, doch setzt der Bau von Erdwerken anscheinend erst ab oder nach 3800 v. Chr. ein, dann aber für zwei Jahrhunderte sehr intensiv. Es entsteht der Eindruck einer regelrechten »Landnahme« in einem seit dem Ende der Rössener Kultur für mehrere Jahrhunderte nur dünn besiedelten Raum. Gleichzeitig deutet sich nach aktuellem Stand eine regionale zeitliche Entwicklung an, an deren Ende um 3600 v. Chr. entweder Doppelgrabenanlagen zu Dreigrabenanlagen erweitert oder neue Erdwerke mit drei Gräben errichtet werden.

Übersicht über die chronologische Situation im Arbeitsgebiet und den angrenzenden Regionen (© Dirk Fabian 2009).

Für die Beantwortung der Frage nach der Funktion, dem Errichtungszweck der monumentalen Erdwerke, bietet das Braunschweiger Land mit seiner Konzentration von Anlagen gute Voraussetzungen. Die Positionierung im Gelände und die Charakteristik der Grabenfüllungen bei gleichzeitig fehlender Innenbebauung sprechen gegen eine Interpretation als befestigte Siedlungen. Besonders auffällig ist die Nähe zu frühen Fernwegen, die zusammen mit den übrigen Beobachtungen zu einem neuen Interpretationsansatz geführt hat.

Schematische Darstellung des Braunschweiger Modells (© Dirk Fabian 2009).

Das Braunschweiger Modell stellt die Erdwerke in einen Zusammenhang mit dem saisonalen Auf- und Abtrieb großer Rinderherden und dem Pendeln zwischen Sommer- und Winterweiden entlang von etablierten Triften (Wanderweidewirtschaft, Transhumance). Der Innenraum der Erdwerke dient in diesem Szenario dem Rindermanagement, so z. B. dem Trennen der Herden beim Abtrieb und der Überführung auf die Winterweiden im Bereich von Flussauen und Höhenzügen. Die Erdwerksgräben, in denen wiederkehrende rituelle Aktivitäten und Teilbestattungen nachgewiesen sind, könnten im Kontext von begleitenden Festen und religiösen Riten interpretiert werden. Monumentale Erdwerke wären in diesem Modell also kontinuierlich, aber nur saisonal im Frühjahr und Herbst genutzte Plätze einer in Teilen auf hoher Mobilität basierenden Gesellschaft, die durch das Miteinander von Hirten und Bauern geprägt ist.
SUMMARY
EWBSL in a Nutshell – Monumental Neolithic Enclosures in the Brunswick Region.
ABSCHLUSSPUBLIKATION  (Download)
Michael Geschwinde & Dirk Raetzel-Fabian:
EWBSL. Eine Fallstudie zu den jungneolithischen Erdwerken am Nordrand der Mittelgebirge. Mit Beiträgen von Ernst Gehrt, Silke Grefen-Peters und Walter Wimmer. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen 14. Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westf. 2009.
Da die Printversion vergriffen und eine Neuauflage nicht geplant ist, hat unser Verleger Dr. Bert Wiegel (VML Verlag Marie Leidorf) großzügigerweise ein PDF der Publikation für den Download (17 MB) zur Verfügung gestellt:
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